Musikalische Opfer. Literarisches Übersetzen und Musikalität

Eva Ruth Wemme horcht auf die musikalischen Komponenten von Originaltexten und geht der Frage nach, wie sich deren Wirksamkeit in der Zielsprache neu produzieren lässt.

Auf meinem Übersetzertisch liegt eine rumänische Geschichte. Ein Textfremdling. Ich denke sie spaßeshalber als eine musikalische Aufgabe, mal sehen, was das bedeutet. Ich weiß, solche Vergleiche gefallen uns Übersetzer:innen, um das Geheimnisvolle unseres alchemistischen Berufs zu bekräftigen. (Ich mag auch: „Übersetzen ist wie Schauspielen“/ „Übersetzen ist wie Seiltanzen“/ „…wie Sich-Verlieben“). Ich beobachte mich, wie ich meinen Übersetzerkittel anziehe, die notwendigen Hirnareale und sensorischen Systeme einschalte und hoffe: nach komplizierten Reaktionen und Aktionen werde ich das gewünschte Endprodukt erhalten. Nämlich Gold. Es ist ein aufwändiger Prozess, ich muss fast das ganze Gehirn unter Strom setzen, auch meinen Körper, der darunter leidet, dass er aktiv sein muss, sich aber kaum bewegen darf. Das Erste, was ich tue, beschreibe ich mit „den Ton finden.“ Damit meine ich: den klanglichen Grund, die persona, per(durch)-sona(Klang),[01]Dieses Wortspiel hat Pritz Perls erfunden. Siehe: Frederick S. Perls. Gestalt-Wahrnehmung. Verworfenes und Wiedergefundenes aus meiner Mülltonne. … Fußnote lesen des Textes. An diesem Punkt gibt es kein Falsch oder Richtig, es gibt nur das Abhören dessen, was klingt, also: des Raumes oder noch besser: des relevanten Feldes.[02]Ich nehme Bezug auf Kurt Lewins Feldtheorie. Es ist eine komplizierte Schwingungsgeschichte – also nenne ich das Ganze einen musikalischen Vorgang. Ich versetze mich in Schwingung und sondiere, bei welcher von mir ausgesendeten Wellenlänge der Text (für meine Sensoren) ebenfalls anfängt zu vibrieren. Da, jetzt habe ich Empfang. Solange ich diese per-sona nicht höre, ist es unmöglich, weiterzuarbeiten.

Ein anderes träumerisches Musikalienbild: Ein Text wie der Abdruck einer Nadel in einer Wachsplatte, die sich in einem mir unbekannten Prozess, unter mir unbekannten Umständen einmal unter der einst vibrierenden Nadel gedreht hat, und ich nehme diese Wachsscheibe, versetze sie in Drehung, lege jetzt vorsichtig den Fingernagel meines Schreibfingers in diese Rille und übersetze die Vibration in „etwas.“ Während ich dieses Bild entwickle, denke ich an das laute Donnern, das die Lautsprecher im Wohnzimmer meiner Eltern von sich gaben, wenn der Verstärker angeschaltet wurde. Manchmal verzichtete ich schon deshalb aufs Musikhören. Und hin und wieder möchte ich auch übersetzerisch einen Text nicht angehen. Das sind taube Zeiten. Oder solche, in denen ich den Donner nicht hören mag, mit dem der Text in meinem Sonar aufschlägt. Jetzt aber genug der Träumerei.

Ich behaupte, ich kann einen literarischen Text mit einem Notentext vergleichen: Als über sich hinausweisendes Zeichenwirrwarr auf meinem Notenständer. Er ist jetzt mehr als Vokabelkunst, Hinweis auf die menschliche Logik seiner Autor:in, auf die Schönheit seiner Kohärenz und sachlich wiederzugebende Mitteilung. Er ist der Code für ein „Spiel“ – ein zum Teil musikalisches Spiel.

Was bei einem solchen Vergleich schwerwiegend hinkt: Musik ist per se unfähig, etwas Bedeutungsvolles auszudrücken. „Die Musik bedeutet nichts, doch im singenden Menschen vereinen sich die Bedeutungen,“ schreibt Vladimir Jankélévich.[03]Vladimir Jankélévitch. Die Musik und das Unaussprechliche. WGB, Darmstadt 2016. Ich habe also Anlass, die milchige Zone des Dazwischen zu sondieren: Zwischen mir und dem Text, den Texten, den Lesern. Musik oder Musikähnliches ist fähig, das Großhirn zu durchdringen und bis ins Stammhirn zu gelangen. Die „Musik“ eines Textes ist verantwortlich für die „Trance,“ die er induzieren kann – oder das „künstlerische Erlebnis,“ oder die Veränderung des Raumes, der mich und dich durchdringt und beinhaltet, oder: seine subkutane Wirksamkeit.

Klartext: Wenn ich die Musikalität von Übersetzenden in Augenschein nehme, heißt das, die Fähigkeit zu betrachten, musikalische Komponenten von Texten wahrnehmen und in Hinblick auf deren Wirksamkeit auf ähnliche Weise in der Zielsprache neu produzieren zu können. Ich versuche mich am Durchdenken der fünf von Fritz Hegi[04]Fritz Hegi/ Maja Rüdisüli. Der Wirksamkeit von Musik auf der Spur. Theorie und Erforschung der Komponenten. Reichert Verlag, Wiesbaden 2013. untersuchten musikalischen Komponenten:

Rhythmus

Ich habe jetzt Gedichte im Sinn und erinnere mich, dass sie im Ursprung sang- oder tanzbar waren; Rhythmus verbindet uns, unser Herz klopft.

Ich denke an Metrik, die mich als Übersetzerin anlockt. Ich mag es, Metren und Reime zu belauern und dann übersetzerisch zuzuschlagen. Manchmal bringt sie mich aus dem Häuschen. Rhythmus herstellen heißt aber nicht unbedingt: dem fremden Rhythmus nachmarschieren. Oder aufzugeben und gar keinen Rhythmus zu produzieren. Musikalität ist dann: Im krisenhaften Moment, in dem ich ein metrisches Gebilde übersetzen will, auch die anderen musikalischen Komponenten im Blick zu haben und vielleicht die Wirkung, die ein Jambus, ein Trochäus, in mir hervorruft, mit einer anderen Komponente auszudrücken. Ein schwieriges Geschäft. Am schönsten ist es, wenn der Tanz aus der einen Sprache in die andere ohne Stolper- und Wechselschritt übergeht. Ach, ein idealer Fall. Selten, dass dann nicht die anderen Komponenten schwer beschädigt werden.

Auch ein Romantext hat einen Rhythmus, ein Fließen und Klopfen und alle Übersetzenden kennen die Stolperprüfung: Lies dein Machwerk vor und pass auf, wo du stolperst, dort gibtʼs noch Arbeit! Eine gute Übersetzung „groovt.“ Aber nur da, wo das Original es will: Aufpassen. Es gibt auch Stolperfallenkunst. Rhythmus verbindet auf ursprüngliche Art, manchmal will Literatur Verbindung aber lösen, chaotisch und impulsiv sein und nicht in die Urgründe von Herzschlag, Tanz, Marsch und Jahreszeitenwechsel. Im Rhythmus bilden sich die Komplexität und das Tempo eines Textes ab.

Klang

Nach Hegi: eine emotionale Komponente – Atmosphäre. Aber wie klingt das Blatt Papier da vor mir? Ich höre nichts. Es wird spekulativ. Ich stelle eine Umkehrrechnung an. Ich belausche die Emotionen und die Stimmung, die mich beim Lesen durchströmen oder in mich einbrechen und gleiche ab: Könnte der Text entsprechend klingen, also die klangliche Ursache sein? Hat er die materiellen Möglichkeiten? Ich lese von den enttäuschenden Liebeserlebnissen im Rumänien der Sechziger, schmecke mit den Figuren den vage angsterfüllten, faden Geschmack der Zigarette danach und bin mir nicht sicher: Klingt der Text oder klinge ich oder klingt das Dazwischen? Wie gut, wenn ich mit der Autorin telefonieren kann und ihre Stimme höre. Sie klingt lustiger, als ich dachte. Und sie bringt mir bei, dass das Fade nur anklingt, sich am Ende des Textes zwar vehement ausbreitet, am Anfang aber noch von echter Lust übertönt wird. Aha. Ich lese den Text nochmal – ja, jetzt kann ich den erregenden Klang der Wörter wahrnehmen, der die Körper des Paares umgibt. Vielleicht habe ich da ein intimes Schwingungsproblem, oder der Raum, in dem ich mich befinde… Wenn das passiert, „höre“ ich als Übersetzende manchmal nicht… z.B. den jugendlich zornigen Gestaltungswillen, stattdessen immer nur die Stimme der wohlerzogenen Literat:in. Oder umgekehrt. Oder ich überhöre den nasalen Klang der Arroganz, oder das leise Dröhnen von Paranoia, oder das bittere Lachen der Schicksalsergebenheit usw., usw., weil ich es als die Person, die ich eben bin, nicht hören will und der aktuelle Raum diese Frequenzen schluckt. Manchmal gibt es wirklich schwierige Interferenzen aus Schmerz, Wut, Lust, Angst. Unangenehme, schmerzhafte Arbeit. Und nicht zu vergessen die Pause – das Schweigen und Warten in Texten. Hat das Platz angesichts einer Deadline?

Das Klang-Spektrum wird durch eine Übersetzung immer verändert, das ist eine erbarmungslose Tatsache. Und WAS klingt da überhaupt? Die Wörter mit Vokalen und Konsonanten? Die Pausen dazwischen? Auch das Echo von Erinnerungsräumen mischt sich in den Klang Wie klingt ein Wort in meinem privaten Lexikon, wie habe ich es gelernt, welche Stimme hat es mir zuerst verraten? War es böse oder gut gemeint? Mein emotionales Repertoire muss als übersetzerisches Instrument und Resonanzkasten schwingungsfähig und die darauf gespannten Saiten gut gestimmt sein, auch mein Vorrat an Wort-Erinnerungen benötigt mich als gute Archivarin. Und ich brauche das Bewusstsein dafür, dass mein „Instrument“ ein zeitgenössischer, hiesiger Klang- und Resonanzkörper ist, und die ahnbaren Klänge, die ich anlässlich des Papiers auf meinem Tisch zu hören meine, zu einem mir unbekannten Anteil aus einer anderen Zeit und einem anderen Raum herrühren.

Melodie

Haltungen, Meinungen, Überzeugungen, Geschichten – das ist die Sache der Melodie mit ihren Betonungen und Bögen, Wiederholungen, Pausen, Motiven und Themen. In der Musik ist mit der Melodie der Bereich des Narrativen, des persönlichen Ausdrucks eröffnet. Als Übersetzende stehe ich vor der Aufgabe, den wie auch immer gearteten Pathos der Aussage, der Haltung zu erfassen und die Arie in meiner Sprache so zu singen, dass auch das deutsche Publikum in Wallung geraten kann. Brava! Wie mitreißend! Buh! Wie unerzogen! „… und die Welt hebt an zu singen, triffst du nur das Zauberwort,“ murmelt Herr Eichendorff und trifft den Nagel auf den Kopf. Wenn eine Melodie wirklich hörbar wird, füllt sie den Moment aus – also muss ich die Wörter, die ich in eine Satzmelodie hineinhämmere, daraufhin überprüfen, ob sie die Kraft haben, den Spannungsbogen der Melodie zu halten, ob sie das richtige Material sind, um die Melodie in ihrer raumgreifenden, überschwemmenden Präsenz wiederzugeben. Manchmal werden Wörter schwach und kränkeln in der falschen Satzumgebung, auch wenn sie eigentlich ziemlich prächtige Exemplare sind. Manche Wörter wollen nicht an der betonten Stelle stehen, manche beanspruchen immer den Höhepunkt der Melodie für sich. Manche Wörter reißen Bedeutungsräume auf, die im historischen Hintergrund der Melodie keinen Platz haben, sie stören oder lächerlich machen. Diese Komponente fordert meine Verantwortlichkeit als Übersetzende gegenüber dem Original am meisten heraus.

Dynamik

Hier ist die Rede von gegensätzlichen Kräften, schnell – langsam, laut – leise, die in einem (musikalischen) Text wirken. In der Wirkung geht es oft um Erregungskurven, um verschiedene Arten von Intensität, Beängstigung, Faszination und deren Führung, treibend oder hemmend. Es geht um Suspense und die dazu gehörigen Techniken auf der Ebene der Feinstruktur: Wie gestalte ich ein Crescendo, ein langsames, ein schnelles? Wie halte ich das Gesamtgebilde leise, auch wenn es im Tempo zu rasen beginnt? Halte ich selbst das aus? Es geht bei der dynamischen Komponente um den Ausdruck von Willen, also muss auch ich mich auf diesem Gebiet auskennen – gefesselten, übersteigerten, eisernen, beharrlichen, gebrochenen Willen sprachlich nachformen können. Halte ich das aus? Vertrage ich das Tempo, die Stille, die Lautstärke? Das Kriechen zum Gebrüll? Ich denke an die langen Roman-Kapitel, die ich im Lockdown übersetzte, die auf einen mythischen Krieg zweier Welten hinausliefen. Das Ausharren und Eingeschlossensein in Erwartung brutaler, bedrohlicher Szenen, Todes- und Angstcrescendo hin zu einer Dark-Fantasy-Erlösung – eine anstrengende, dynamisch komplexe Arbeit damals, die Frequenzen des Textes brachten meinen kränklichen Lebensraum zum Dröhnen. Die Dynamik eines übersetzten Textes zu gestalten ist vielleicht die demütigste, hingebungsvollste Aufgabe – hier geht es um den Gestaltungswillen der Autor:in. Als Übersetzerin habe ich dabei das Gefühl, mich bedingungslos auf den Ozean des Originaltextes hinauszubegeben, mich dessen Kräftespielen hinzugeben.

Form

Die letzte Komponente bezeichnet die makro- sowie mikrostrukturelle Gestaltung. Für mich als Übersetzerin geht es hier um eine intellektuelle Aufgabe. Ich brauche ein gutes Ohr und klaren Verstand, um in einem monotonen oder symphonischen Gebilde Formen und Strukturen auszumachen. Ich erinnere mich an Wörter aus der Musiktheorie: Kontrapunkt, Ostinato, Orgelton, Kanon, Durchführung, Coda, Quodlibet, Sonatenform. Lass mich mit dem mathematisch-musikalischen Talent gesegnet sein, die Geometrie eines Textes zu erkennen. Die Form verdeutlicht das Verhältnis zu ihrer eigenen Anwesenheit, es ist die Komponente, anhand derer der Text eine Selbstaussage trifft, über das eigene Werden und Entstehen – Zufall? Ordnung? Chaos? Hier liegt der Zauber der Kreativität. Ich fange an, die Tastatur zu traktieren – tapp tapp tapp. Wisst ihr: So klingt Übersetzen.

References
01 Dieses Wortspiel hat Pritz Perls erfunden. Siehe: Frederick S. Perls. Gestalt-Wahrnehmung. Verworfenes und Wiedergefundenes aus meiner Mülltonne. Werner-Flach KG, Frankfurt/ Main 1981.
02 Ich nehme Bezug auf Kurt Lewins Feldtheorie.
03 Vladimir Jankélévitch. Die Musik und das Unaussprechliche. WGB, Darmstadt 2016.
04 Fritz Hegi/ Maja Rüdisüli. Der Wirksamkeit von Musik auf der Spur. Theorie und Erforschung der Komponenten. Reichert Verlag, Wiesbaden 2013.