Veröffentlicht am 14.01.22

Übersetzung und Kritik. Überlegungen zu Übersetzungs­theorien und literarischer Kritik, die einander kaum kennen, und dem, was sie gemeinsam sein könnten

Was ist und was kann Übersetzungskritik überhaupt sein? Um sich dieser Frage zu nähern, lohnt es sich, die beiden Begriffe des Kompositums genauer in Augenschein zu nehmen.

Übersetzungskritik findet immer wieder, implizit oder explizit, statt, aber meistens, ohne dass sie ihr Tun selbst thematisieren oder intensiver reflektieren würde. was ist und was kann Übersetzungskritik überhaupt sein? um sich dieser Frage zu nähern, lohnt es sich, die beiden Begriffe des Kompositums genauer in Augenschein zu nehmen: (literarische) Kritik und Übersetzung.

jede Kritik fußt auf einem bewussten oder unbewussten Vorverständnis davon, was der kritisierte Gegenstand zu leisten hat oder was man von ihm erwarten darf. diese das Vorverständnis bildenden Vorstellungen, Meinungen, Ansätze, was zu tun sei, sind, selbst wenn sie rein habituell oder praxisbezogen sind und eher unreflektiert bleiben, eingebettet in Kontexte, die den Gegenstand zugleich rahmen und über ihn hinausweisen. insofern ist es für eine Kritik angebracht, auch Grundzüge der Theorie des kritisierten Gegenstands zu kennen. in diesem Fall wäre der Gegenstand die Übersetzung, das literarische Übersetzen.

der Frage, was Übersetzung sei, wird nun bereits seit Jahrhunderten, ja, Jahrtausenden nachgegangen. die vielfachen Versuche seit der Antike ähneln sich darin, dass sie mit starken Dichotomien arbeiten, deren variationsreiche Protagonisten Namen tragen wie „Treue oder Anverwandlung“, „Autornähe oder Lesernähe“, „Mimesis oder Verfremdung“, „Wörtlichkeit oder Sinnbezug“, „Ausgangssprache oder Zielsprache“, „Hermeneutik oder Semiotik“, „Äquivalenz oder Unübersetzbarkeit“, „kulturelle Differenz oder Anverwandlung“ usw.
in jeder dieser Dichotomien spiegelt sich der Versuch wider, den in der übersetzerischen Praxis häufig begegnenden unlösbaren Widerstreit, der aus der Verschiedenheit der Sprachen hervorgeht, theoretisch zu domestizieren. diese Versuche sind von Perspektiven und Sprachauffassungen gekennzeichnet, die jeweils andere Momente dieses Streits sinnfällig aufscheinen lassen und in ihrer Gesamtheit ein schönes Panoptikum eines Problems darstellen, das trotz allen linguistischen Fortschritts und sich feiner ausdifferenzierender Komplexität manchmal wie die Wiederkehr des Ewiggleichen erscheinen mag.
von Mitte des letzten Jahrhunderts an intensivierten und vervielfachten sich dabei wissenschaftliche Herangehensweisen, die zu kaum mehr überschaubaren Publikationen, Untersuchungen und Theorierichtungen führten. es bildete sich eine eigene Übersetzungshermeneutik heraus, die in Übersetzerkreisen berühmte Skopostheorie setzte eine regelrechte Zäsur in der Geschichte der Übersetzungstheorien, aber konnte auch nicht, wie die  vielen anderen semiotischen, linguistischen oder auch pragmatisch orientieren Ansätze, das Problem abschließen. neuere Konzepte schlossen sogar an postmoderne, systemtheoretische und andere Theorien an und erweiterten das zuweilen mühsam linguistisch eingegrenzte Feld wieder.

zugleich gibt es gerade in den letzten beiden Jahrzehnten eine blühende Theoriebildung zur Übersetzung auch von DichterInnen und ÜbersetzerInnen. mal nennt man es „Über-Tragung“, dann „Versschmuggel“, dann wieder „stille Post“, „klonen“, „lengvitch“ oder „Anverwandlung“ (allein ihre Bezeichnungen sind Legion und weisen auf die vielfältigen Ansätze hin). diese Theoriebildung geht meist, nicht überraschend, mit ungehemmter Metaphernbildung einher. diese Ansätze sind kreativ und spielerisch, erweitern das Verständnis des literarischen Übersetzens notwendig und bekommen so über das Übersetzerische hinaus ganz grundsätzliche Probleme und Möglichkeiten der Sprache in den Blick.

man könnte annehmen, dass beide Richtungen gut daran täten, ein wenig mehr als kursorisch voneinander Notiz zu nehmen.

am erstaunlichsten aber ist, dass diese beiden üppig bestückten Theorielandschaften der wissenschaftlichen und der künstlerischen Übersetzungstheorie so gut wie gar nicht voneinander Notiz nehmen.
das führt dazu, dass die AutorInnen jenseits ihrer kreativen Metaphern, dort, wo sie sich philosophisch oder grundsätzlich geben, schon mal offene Türen einrennen, wenn auch in einem etwas erfrischenderen Duktus, wohingegen die wissenschaftlichen Theorien, so sehr sie auch der übersetzerischen Praxis gerecht werden wollen (die sie meist erstmal funktional definieren), ohne die literarischen Möglichkeiten von Sprache zu übersehen, immer ein wenig unbeholfen bleiben in ihrem Gestus, kreative Aspekte mit einzubeziehen.
kurzum, man könnte annehmen, dass beide Richtungen gut daran täten, ein wenig mehr als kursorisch voneinander Notiz zu nehmen.

ziemlich unbeeindruckt von alldem, weil meist uninformiert, ist währenddessen das Vulgärverständnis von Übersetzung in den Medien und der Öffentlichkeit, deren banausische Auswüchse durch den Niedergang der Feuilleton- und Kritikkultur noch verstärkt werden. paternalistisch und ungeniert werden dort weiterhin Allerweltsweisheiten verbreitet, wie etwa, dass man das Original nie erreichen könne und dass immer was verloren gehe. damit geht eine Selbstzuschreibung von Kompetenz einher, die man so höchstens von Spielen der deutschen Nationalmannschaft kennt: jeder Leser und jede Leserin eines übersetzten Buchs, die/der einmal kurz ins Original geschaut hat, fühlt sich regelrecht dazu berufen, das Original zu verbessern oder gönnerhaft der Übersetzung kleine Likes anzuheften im Sinne der berüchtigten „Kongenialität“. in seltenen Fällen kommt es dann sogar einmal zu der Verblüffung, dass die Übersetzung interessanter sein könnte als das Original.

wenn wir uns nun dem Stand der Kritik und seiner Reflexion nähern, dann begegnen wir dort einem eigenartig spiegelverkehrten Bild. so sehr sich Kritik zuweilen immerhin noch die Theorien des Gegenstands, den sie kritisiert, aneignet, so wenig kennt sie meist die Theorie ihrer selbst. weil es nämlich kaum eine gibt, jedenfalls keine akademisch ausgebildete Disziplin, nur kursorische Essays oder kleinere Abhandlungen in Sammelbänden. zwar kann seit Kant das Wort „Kritik“ durchaus auch eine enorme Flügelspannbreite ausfalten, aber meist verstehen die Menschen darunter doch etwas, das sich unter den Fittichen des Feuilletons am besten versteckt hält.
dass ausgerechnet Kritik, als ein Binde- und Zwischenglied zwischen akademischer, sich neutral gebender, aber ihre Interessen oft verleugnender Literaturwissenschaft und subjektiver, in der gesellschaftlichen Irrelevanz verharren müssender LeserInnenrezeption eine Königsposition einnehmen könnte, kommt den Wenigsten in den Sinn. Kritik kann nämlich zwischen notwendigem Interesse (worunter z.B. noch fällt, was Emil Staiger einst „Liebe“ nannte) und bohrender Analyse, zwischen poetischer Schau (dem geheimen oder offenen Non-Telos des Worts) und der Diktatur des Logos, des zähmenden und zurechtdressierenden Worts, vermitteln und erscheint deswegen abwechselnd ja als so kantig-scharfrichterlich und dann wieder emphatisch-euphorisch.

so dümpelt nicht nur die Theorie der literarischen Kritik schockierend jungfräulich in den akademischen Zirkeln dahin und darf höchstens mal unter dem hohen Vielmaster der Rhetorik als Begleitschiff mit hinaus fahren, auch die KritikerInnen selbst sind, wohl als einziges Kulturmilieu überhaupt, international quasi gar nicht vernetzt und informiert. weder in den Universitäten noch von den KritikerInnen selbst finden wir über einige halbherzige Ansätze hinaus Beiträge zu einer fundierten und zumindest teilweise systematischen Erfassung des Genres Kritik. die von www.lyrikkritik.de und dem Haus für Poesie ins Leben gerufene „Akademie für Lyrikkritik“ hat hier immerhin nun einen ersten Schritt getan. bis zu einer systematischen Handreichung und Erfassung der Möglichkeiten und Aufgaben von Kritik ist es aber noch weit. hier galt es erst einmal auch überhaupt den ganzen Rahmen für ein solches Unterfangen abzustecken und in den einzelnen Rubriken und Thematiken zu ersten Ergebnissen zu kommen.

kein Wunder also, dass ÜbersetzerInnen mit einer Theorie der (literarischen) Kritik meist ebenso wenig vertraut sind wie KritikerInnen leider zu oft immer noch ungenügend mit den Übersetzungstheorien.
dabei gibt es ja einige Berührungspunkte: Übersetzungstheorien sehen sich schon aufgrund ihres häufigen Abgleichs mit der Praxis viel stärker dazu gezwungen, als zum Beispiel die Literaturwissenschaft, Stellung zu beziehen bei der Frage, wann etwas, also im speziellen Fall „die“ Übersetzung, gelungen ist, bzw. wann sie ihre Funktion oder ihren „Auftrag“ erfüllt. das brachte die Übersetzungswissenschaft oft in eine gewisse Nähe zur literarischen Kritik. auf der anderen Seite waren viele der LiteratInnen gerade durch Übersetzungen zum ersten Mal gezwungen, sich in erhöhtem Maße Rechenschaft abzulegen über ihr Tun und literarische Entscheidungen philologisch oder zumindest nachvollziehbar zu begründen. da dies oft bei DichterInnen nicht auf der wissenschaftlichen Ebene geschieht, sondern eher auf einer intuitiv-poetischen, haben sie zugleich den Rahmen für Möglichkeiten der theoretischen Beschreibung ihres Tuns erweitert – wenn man an die lange Tradition des poetischen Sprechens in und über Theorie denkt, die in der Antike beginnt und über Hamann und Novalis bis zu Derrida führt, so vielleicht auch nur wieder in Erinnerung gerufen und mit neuem Leben erfüllt. dieser Ausrichtung kommt ein essayistisches Schreiben, das der sich auch mit subjektiven Eindrücken auseinandersetzenden Kritik sui generis näher ist als der akademischen Theorie, entgegen. insofern könnte man erst einmal festhalten, dass Übersetzungstheorien sich von zwei Seiten vorsichtig aufeinander zubewegen und vielleicht gar in einer erweiterten Theorie der (Sprach-)Kritik treffen könnten. eine Theorie der Kritik, die es eben noch zu entwickeln gilt und deren Sprache und Wissenschaftlichkeit (bzw. deren Konturierung) allein für starke Kontroversen Anlass geben dürfte.

was gute Übersetzung und gute Kritik zu tun haben, scheint irgendwie jeder und jede immer schon zu wissen – und das ganz ohne Theorie und sogar ohne Praxis.

wir haben also skurrilerweise einerseits einen Überschuss an Theorien zum Übersetzen, einem ja eher praktisch orientierten Vorgang, und andererseits einen Mangel an Theorien zur Kritik, einer doch eher theorielastig-reflexiven Übung. von all diesen Problemen gänzlich unberührt bleibt, wie erwähnt, dabei die breite Öffentlichkeit, die weder dem einen noch dem anderen Genre allzu große Aufmerksamkeit schenkt und entsprechend simpel über sie urteilt und mit ihnen verfährt. was gute Übersetzung und gute Kritik zu tun haben, scheint irgendwie jeder und jede immer schon zu wissen – und das ganz ohne Theorie und sogar ohne Praxis. daran ändert auch nichts, dass die Werkzeuge der Rhetorik („Argumentationslogik“) zuletzt in den sozialen Netzen im Eifer der zum Teil hasserfüllten Kämpfe weitere Verbreitung gefunden haben als früher. mit Werkzeugen hantieren kann zunächst einmal dazu führen, dass die Schlagkraft von Reflexen wuchtiger wird, muss aber nicht zwangsläufig die Fähigkeit zur Reflexion steigern.

während die ÜbersetzerInnen aber aus ursprünglichem Interesse „naturgemäß“ über die Welt verteilt und im ständigen Austausch sind und von daher langfristig vielleicht einen komplexeren Übersetzungsbegriff in der Öffentlichkeit durchsetzen könnten, agieren die KritikerInnen bis heute regional und unvernetzt, obwohl sie doch, müsste man meinen, einen sehr globalen Anspruch verfolgen dürften, über die Grenzen kultureller Differenzen hinaus.
was Übersetzung und Kritik dabei vereint, ist, dass beide meist als „sekundär“ wahrgenommen werden (was eben zumindest in Deutschland, das häufig noch von Geniekultgedanken sich nährt, immer auch heißt: als „niedere“ Künste). beide stehen landläufig im Verdacht, womöglich nur „Dienstleistung“ zu sein, während in den inneren Zirkeln gerade umgekehrt Übersetzen als allem Sprechen je schon innewohnende Qualität oder gar zuweilen als das Original bedingend gefeiert und Kritik als Königsdisziplin gehandelt wird. indem beide aber eine Mitte halten zwischen mehreren Stühlen, widerstehen sie dem nun seit jeher anhaltenden Versuch der Entmischung und Separierung in Töpfchen und Kröpfchen, bleiben den ihnen innewohnenden Paradoxien oder Widersprüchen, die sie nicht befrieden können, treu, indem sie abweichend ihrer eigensten Spur folgen, um Benjamin zu paraphrasieren.
in der Öffentlichkeit und der täglichen Praxis mögen sie einander selten benötigen, weil ihnen dort selten tiefere Kriterien abverlangt werden, bei der Reflexion und Grundlegung ihrer Arbeit aber könnten sie sich wunderbar gegenseitig inspirieren.

was von der Rezeption bleibt, stiften die ÜbersetzerInnen und KritikerInnen.

beide kehren sie auf subversive Weise die Hierarchien um und zeigen bei genauer Betrachtung, dass kein großes Werk ohne seine Übersetzung (ein tiefgehendes Verständnis von Übersetzung und Schrift), aber auch nicht ohne kritische Auslegung sein kann. vor allem Letztere gewährt einen analytischen verstehenden Zugang, ohne den Rezeption nicht viel mehr wäre als Effekt, Affekt und Spektakel, hält dabei aber performativ daran fest, dass Literatur durch Deskription von Struktur, Grammatik und Kontext nur erfasst, nicht ausgeschöpft wird und darüber hinaus auf Emphase, Pathos, Erfahrung und Haltung zielt.
was von der Rezeption bleibt, stiften die ÜbersetzerInnen und KritikerInnen.
sie können eine innig verschworene Beihilfe zum gesteigerten Bewusstsein bilden, geben im besten Fall ein Ambivalenzangebot einer ästhetischen Auffassung, die – und das trifft eben sowohl auf die (gute) Übersetzung wie auch die (gute) Kritik zu – weniger gemütlich schwelgt, als nachahmend schweift, horcht, begreift und vor Möglichkeiten erzittert.