Veröffentlicht am 14.01.22

Übersetzung und Verlagswelt in Deutschland. Eine Momentaufnahme zum Jahreswechsel

Wann immer literarische Übersetzer:innen angemessene Honorare fordern, heißt es vonseiten der Verlage, das sei nicht zu leisten. Dabei genügt ein Blick auf die Bestsellerlisten, um den Stellenwert von Übersetzungen zu erkennen.

Wann immer literarische Übersetzer:innen, die notorischen „Schindmähren der Kultur“, wie Otto Bayer-Elwenspoek sie Anno 1989 nannte, ohne dass ihre materielle Anerkennung sich in den vergangenen 30 Jahren merklich gebessert hätte, angemessene Honorare fordern, heißt es vonseiten der Verlage, das sei nicht zu leisten. Im Klartext: Wenn sie nicht länger an den Honoraren sparten, müssten sie eben auf Übersetzungen verzichten. Dabei genügt ein Blick auf die Jahresbestsellerliste 2021 und auf die ersten Spitzentitel im Frühjahr 2022, auf die Debatten des letzten Jahres und auf Tendenzen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur (zum Beispiel Autofiktion und Klassismus in allen erdenklichen Varianten, seit Didier Eribon und Annie Ernaux hier breit rezipiert werden), um den ungeheuren Stellenwert von Übersetzungen zu erkennen, nicht nur für den Umsatz von Verlagen und Buchhandlungen, sondern auch für den allgemeinen gesellschaftlich-politischen Austausch, für die Ausdrucksmöglichkeiten der deutschen Sprache – in bester lutherscher und schleiermacherscher Tradition – und für thematische wie formale Neuerungen in der hiesigen Produktion.

Übersetzer:innen übertragen nicht nur, sie entdecken, erfinden, reflektieren, begleiten und vermitteln…

Über den Stellenwert der Übersetzer:innen wird noch zu reden sein, denn sie übertragen nicht nur, sie entdecken, erfinden, reflektieren, begleiten und vermitteln, bereichern die Programme von Verlagen, Universitäten und literarischen Institutionen aller Art, vertreten ihre Autor:innen auf Podien und in den Medien, wenn diese bereits das Zeitliche gesegnet haben oder pandemiebedingt nicht reisen können, oder, wie im Fall der sagenumwobenen Elena Ferrante, partout nicht selbst in Erscheinung treten wollen. So hat die Übersetzerin Karin Krieger Ferrante für Suhrkamp nicht nur auf dem Papier eine klingende deutsche Stimme verliehen, sondern durch ihren Dauereinsatz an diversen Mikrofonen erheblich zum beispiellosen Erfolg dieser Autorin hierzulande beigetragen. Ein Erfolg, dem wir vermutlich die Präsenz weiterer bedeutender italienischer Schriftstellerinnen auf dem deutschen Buchmarkt verdanken, ob nun zeitgenössisch wie Francesca Melandri oder eine Wiederentdeckung wie Alba de Céspedes.

Auch wenn die Topjahresbestseller 2021 unter den Übersetzungen wieder einmal alle aus dem englischsprachigen Raum (immerhin weltumspannend und unvergleichlich vielfältig) und von den üblichen Verdächtigen stammen – J.K. Rowling, Jeff Kinney, Lucinda Riley, Louise Penny und  im Kochbuchsegment Yotam Ottolenghi –, auch wenn die ersten Spitzentitel im Januar 2022 so erwartbar sind wie sie sehnlich erwartet werden, nämlich die neuen Romane von Michel Houellebecq und Hanya Yanagihara, bekommen wir seit einigen Jahren immer mehr Entdeckungen aus Asien und Afrika, beziehungsweise aus der Diaspora zu lesen, oft, aber bei weitem nicht immer aus dem Englischen übersetzt. Internationale Auszeichnungen wie der Man Booker Preis, der 2016 an die südkoreanische Schriftstellerin Han Kang und ihre englische Übersetzerin Deborah Smith ging, oder der Literaturnobelpreis 2021 für den tansanischen, schon lange in London lebenden Autor Abdulrazak Gurnah befördern Erstübersetzungen oder Wiederentdeckungen – Gurnah wurde bereits Anfang der 2000er ins Deutsche übersetzt, bei verschiedenen Verlagen, ohne von Kritik und Publikum wahrgenommen zu werden. Inzwischen herrschen hier deutlich bessere Rezeptionsbedingungen, nicht zuletzt durch den weltweiten Erfolg einer „afropolitanischen“ Autorin wie Taiye Selasi, die etlichen anderen die Tür zum deutschen Buchmarkt geöffnet hat, aber auch durch die zunehmend stärkere Auseinandersetzung mit der eigenen Kolonialgeschichte, mit Themen wie Rassismus und Eurozentrismus, die von Stimmen aus dem In- und Ausland – USA, England, Frankreich, Senegal, Kamerun, Nigeria, Ghana und viele mehr – belebt wird und sicher dazu beigetragen hat, dass die simbabwische Schriftstellerin, Filmemacherin und Aktivistin Tsi Tsi Dangarembga 2021 mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde.

Kleine Verlag sind Pioniere.

In diesem Zusammenhang fällt auf, dass die Pionierarbeit oft von kleinen Verlagen geleistet wird – Peter Hammer, Union, A1, Orlanda, um nur einige zu nennen – und die großen einsteigen, wenn der Boden bereitet ist, sei es durch Weltbestseller oder aktuelle Debatten. Das gilt für sämtliche Literaturen, die sich nicht so leicht platzieren lassen wie Midbrow-Titel aus Frankreich oder den USA, ob sie nun aus Mittel- und Osteuropa stammen, aus dem globalen Süden oder aus dem Nahen und Fernen Osten. Auch hier betätigt sich eine erfreulich hohe Zahl von Klein- und Kleinstverlagen als Entdecker und Vermittler (unter anderem Mikrotext, ciconia ciconia, Voland & Quist, edition fotoTapeta, eta Verlag, KLAK), meist mit tatkräftiger Unterstützung ihrer scoutenden Übersetzer:innen. Der noch junge, auf japanische Literatur spezialisierte, bereits mehrfach mit Preisen bedachte Cass Verlag wurde von der Übersetzerin Katja Cassing gegründet, und ohne die so unermüdliche wie fruchtbare Vermittlungsarbeit von Karin Betz, die für alle Genres und Stilrichtungen offen ist, gäbe es in Deutschland weitaus weniger chinesische Literatur zu lesen, ob Sci-Fi-Blockbuster von Cixin Liu und Fantasy-Klassiker von Jin Yong bei Heyne oder eigenwillige Prosa von Can Xue, die als Chinas heißeste Anwärterin auf den Nobelpreis gilt, bei Matthes & Seitz.

Neueste Entdeckungen aus der asiatischen Diaspora in Nordamerika – wie Ocean Vuong, der in Lyrik und Prosa seine vietnamesische Herkunft ergründet, oder die taiwanisch-chinesischstämmige Autorin K-Ming Chang – erinnern uns daran, dass wer aus einer Sprache wie dem Englischen, Spanischen, Russischen, Portugiesischen oder Französischen übersetzt, oft mit mehr als einer Kultur, einer Historie, einer literarischen Formensprache und Tradition konfrontiert wird, weil es sich zum einen um koloniale Sprachen handelt, zum anderen um Sprachen, in die seit Jahrhunderten aus vielerlei Gründen eingewandert wird, ein Phänomen, das in der deutschsprachigen Literatur noch recht neu ist, uns aber bereits eine Fülle von aufregenden und vielbeachteten Stimmen beschert hat, von Emine Sevgi Özdamar, Feridun Zaimoglu, Terézia Mora, Saša Stanišić, Katja Petrowskaja oder Olga Grjasnowa zu Yōko Tawada, Anna Kim, Khuê Phạm oder Isabel Fargo Cole, die Franz Fühmann und Wolfgang Hilbig ins Englische übersetzt, ihre Romane aber auf Deutsch verfasst. Diese Form der literarischen Einwanderung, die nicht nur neue Inhalte und Perspektiven einbringt, sondern auch sprachschöpferisch wirkt, kann Übersetzer:innen als Inspirationsquelle dienen, um das, was auf Deutsch bisher noch keinen Ausdruck gefunden hat, in unerhörte und doch verständliche Worte zu fassen, etwas, was der israelische Schriftsteller Tomer Gardi mit seinem Broken German sehr produktiv auf die Spitze treibt. Verfremdungsstrategien werden bei der Übertragung avantgardistisch-experimenteller Literatur oft benötigt, ein Musterbeispiel aus jüngerer Zeit ist Gabriele Leupolds deutsche Fassung des lange als unübersetzbar geltenden Romans Die Baugrube von Andrej Platonow. Ein anderes angeblich unübersetzbares Werk stammt aus der Feder des zeitgenössischen amerikanischen Autors Joshua Cohen: Der 900-seitige Witz, dessen weltweit erste Übersetzung im Februar bei Schöffling erscheint, nachdem Ulrich Blumenbach, einer von Deutschlands gar nicht so wenigen Spezialisten fürs Unmögliche, gleich mehrere Lebensjahre in dieses Mammutwerk gesteckt hat. Solche buchstäblich aberwitzigen Unternehmungen haben in Deutschland Tradition, weil sich immer wieder Verlage und Übersetzer:innen mit besonders langem Atem und ausgeprägter Risikobereitschaft finden und auf eine nicht unbedingt riesige, aber doch entdeckungsfreudige Leserschaft zählen dürfen.

Foto: Chairman of the Joint Chiefs of Staff from Washington D.C, United States, via Wikimedia Commons

Als riskante Unternehmung stellte sich 2021 die Übersetzung von Amanda Gormans Inaugurationsgedicht The Hill we climb heraus, die nicht nur in Deutschland für teils abstruse, doch überwiegend erkenntnisträchtige Diskussionen gesorgt hat. Hoffmann & Campe, der deutsche Verlag, hatte vorsorglich ein Team zusammengestellt, bestehend aus der Übersetzerin Uda Strätling, der Autorin und Aktivistin Kübra Gümüşay und der Journalistin Hadija Haruna-Oelker, um sämtliche Aspekte, sprachlich wie politisch, zu berücksichtigen. Selbst wer (wie ich) der Meinung ist, dass eine so sensible, erfahrene und reflektierte Übersetzerin wie Uda Strätling die Aufgabe sehr gut allein hätte meistern können, dürfte die vielstimmige kritische Auseinandersetzung als Bereicherung unseres literarischen und gesellschaftlichen Diskurses empfinden. Sie hat sicher zu einer nachhaltigen Sensibilisierung für potenziell diskriminierende Sprache geführt, was jedoch nicht heißt, dass wir beim Übersetzen den Kontext außer Acht lassen sollten, ob es sich um einen bestimmten historischen Hintergrund handelt oder um die selbstentlarvende Rede einer rassistischen Figur. So gesehen, dürften die Diskussionen auch 2022 munter weitergehen.

Einen poetisch wie politisch gangbaren Weg aus jeder diskursiven Sackgasse bietet möglicherweise die Lyrikerin und Übersetzerin Uljana Wolf, die Sprachgrenzen konsequent überschreitet und verflüssigt. Ihr Etymologischer Gossip bietet eine Fülle von Anregungen und Denkanstößen, um die Möglichkeiten unseres Mediums immer mehr auszuweiten und auch künftig jedes vermeintlich unübersetzbare Werk, ob Lyrik, Prosa oder Drama, in die deutsche Sprache herüberzuholen, die so viel gastfreundlicher und geschmeidiger ist als gemeinhin angenommen.

Dass sie so ist, gastfreundlich und geschmeidig, verdankt sich nicht zuletzt einer langen, reichen Übersetzungstradition. Das Bewusstsein hierfür wächst, stetig, aber immer noch zu langsam. Die schöpferische Eigenleistung literarischer Übersetzer:innen wird von einer wachsenden Zahl unabhängiger Verlage durch die Nennung auf dem Cover und die Einräumung möglichst fairer Konditionen gewürdigt, während mancher Konzernverlag uns als lästiges, austauschbares, selbst bei Spotthonoraren noch zu teures Übel ansieht und am liebsten durch Übersetzungssoftware ersetzen würde, erste Vorstöße gab es schon, die allerdings zu zeit- und kostenintensiven Nachbearbeitungen führten. Es ist im Interesse der ganzen Branche, solchen Vorstößen eine Absage zu erteilen, die auf Kosten von Qualität und verlegerischer Glaubwürdigkeit gehen. Stattdessen sollten die Übersetzer:innen endlich von allen Verlagen, großen und kleinen, als Ko-Autor:innen der deutschen Ausgabe anerkannt und sichtbar gemacht werden. Warum, bringt Jürgen Boos, Direktor der Frankfurter Buchmesse, in seinem Interview vom 22. Dezember 2021 mit der Zeitschrift Tralalit auf den Punkt: „Wir werden in den nächsten Jahren Übersetzungen in den Mittelpunkt stellen. Die Frankfurter Buchmesse – wie auch die Buchbranche im Allgemeinen – lebt von Übersetzungen.“[01]Das gesamte Interview mit Jürgen Boos auf Tralalit finden Sie hier.

References
01 Das gesamte Interview mit Jürgen Boos auf Tralalit finden Sie hier.