Veröffentlicht am 14.01.22

Auf der Treppe. Übersetzen in der Postkolonie

Auf der Treppe können Nachbarschaften neu verhandelt werden. Ein Appell an die Verbundenheiten, die uns ausmachen, die Hybridität der Welt und der Sprache, an übersetzerischen Mut und Identitäten, die sich ständig erneuern.

„Was habt ihr euch denn erhofft, als ihr den Knebel abnahmt, der diese schwarzen Münder verschloß? Daß sie Lobgesänge für euch anstimmen? (…) Hier stehen Menschen, die uns anblicken, und ich wünschte, ihr würdet wie ich den Schock empfinden, angeblickt zu werden.“
Jean-Paul Sartre, 1948[01]Jean Paul Sartre. Schwarzer Orpheus. In: ders., Schwarze und weiße Literatur. Aufsätze zur Literatur 1946-1960. Hrsg., Nachwort u. Übersetzung … Fußnote lesen

In meinen Übersetzungen sieht Unruhe gelb aus. Mit Gelb markiere ich in der Rohfassung Stellen, die noch auf Entscheidung warten. Wörter wie métropole („Mutterland“) und métis („Mischling“) können gelb werden – französische Bücher wimmeln davon – ebenso tribu („Stamm“) chef („Häuptling“) oder case („Hütte“), wie in Kanaky von Joseph Andras[02]Der französische Autor, der den Prix Goncourt du premier roman abgelehnt hat, weil er der Überzeugung ist, Literatur habe nichts mit Wettbewerb zu … Fußnote lesen … Bei Gelb schießt ein fieser Druck in den Magen. Beklemmung, Ratlosigkeit, Anspruch, ein irres Gemisch. Dann Rückkehr, Zuhören, wieder Abwenden, Lesen, Zeit. Und dann ein Schreibversuch, von dem ich nicht weiß, wo er landet und bei wem.[03]Meine lange Suche nach für mich verantwortbaren Sprachentscheidungen in den genannten und anderen Fällen habe ich in einem TOLEDO-Journal sowie … Fußnote lesen

Wir leben in der Postkolonie. Wir alle, von wenigen isoliert lebenden Kulturen abgesehen. Das könnte inmitten der weltweiten Krisen eine gute, ja überraschende Nachricht sein, immerhin geht es um Würde, Gerechtigkeit, Wahrheit. Doch wir haben es nicht hinter uns. „Post“ heißt nicht „nach“, sondern was damit bezeichnet wird, hat alle Lebensbereiche, hat Hirne, Zungen, Körper und Beziehungen ergriffen, hat Archive, Institutionen, Ordnungen und Vorstellungswelten durchwirkt. Selbst wenn man es wollte: Man kann den Kolonialismus nicht abschneiden und von einem Kolonialstaat – ehemalig oder nicht – einen unbelasteten Staat übrigbehalten. Man kann eine gewalthafte Komplettumgestaltung der Welt nicht rückgängig machen und an eine vorkoloniale Vergangenheit anknüpfen. Und man kann „Kolonial-“ auch nicht abschneiden und eine neutrale „Sprache“ übrigbehalten. Aber man kann das System von Machtinteressen, -strategien und -diskursen durchleuchten, man kann die (sprachlichen) Konstruktionen eines „anderen“ als Verdrängtes des eigenen Selbst durchdringen, und man kann „mit anderen Ohren“ hören und verschiedene Perspektiven zur Sprache bringen – und das ist vielleicht der Unterschied zwischen kolonial und postkolonial, was leider alles Neokoloniale noch nicht verhindert.

Kolonialismus als gewaltsamer Kulturkontakt ging und geht für den größten Teil der Welt von Europa aus, dennoch wäre ebenso über den binneneuropäischen Kolonialismus zu sprechen (etwa der Mächte Russland/Sowjetunion, Habsburger Monarchie, England, Deutsches Reich, Dänemark, Schweden und die vorausgegangene Kolonisierung späterer Kolonialstaaten durch das Römische Reich) und ebenso über außereuropäische Kolonial- und Sprachpraktiken (wie z.B. die von China und Japan). Stattdessen zoome ich. Auf den frankophonen Raum, die Farbe Gelb und meine Magenschmerzen. Es sind die einer Europäerin, die in Ost- und Westdeutschland zwar Erfahrungen mit der Verweigerung von Rede-, Bewegungs- und Meinungsfreiheit einerseits und entfremdender Diskursdominanz und epistemischer Macht andererseits gemacht hat, aber nie war mein Leben bedroht, nie wurde mir Wohnen und Arbeiten wegen meiner Pigmentierung verwehrt, nie wurde mir die Muttersprache entwertet oder verboten. Ich kenne nicht die „Zikaden im Mund“, die eine aufgezwungene und zugleich angeeignete Kolonialsprache gebiert, wie sie die Dichterin Divya Victor in ihrem Büchlein Scheingleichheit eindrücklich beschreibt.[04]Im Kontext des Übersetzens ist der Verweis auf „Erfahrungen“ erklärungsbedürftig geworden. Es geht mir hier nicht um die Behauptung, eine … Fußnote lesen Mein Urgroßvater wurde nicht in einem „Menschenzoo“ ausgestellt wie der des französischen Ex-Nationalfußballers Christian Karembeu.[05]Siehe den Artikel auf der Website Zoos Humains und den Film Kanak. L’histoire oubliée. Siehe auch den Film Angelo von Markus Schleinzer über den … Fußnote lesen Mein Stolpern und Innehalten und Zögern beim Einfärben von Stellen kann nur das der Verschonten sein. Die blinden Flecken kann ich nur durch Lesen und Wiederlesen, durch Zuhören und Recherche, durch eine Ethik und Poetik des Übersetzens zu gelben machen. Immerhin. Denn eine Autoentkolonisierung Europas steht aus – eine Reaktion auf den Schock, von dem Sartre 1948 sprach. Wir sind noch mittendrin. Im Hinhören oder gar Hinhorchen, im Weghören, der präskriptiven Normierung von Antworten oder der Suche nach einer Sprache der Gemeinsamkeit. Dabei wird das gewohnte Sprechen fremd und die Unsicherheit groß. Komplexen Themen wird nicht selten mit Fragen wie „darf/soll/muss ich xy sagen?“ begegnet. Das ist ein Sprung aus der Sache ins Hilfsverb, der das Thema auch verschieben oder gar stillstellen kann.

Debatten, die derzeit geführt werden, laufen häufig auf identitätspolitische Essentialismen hinaus, bei denen Gruppenidentitäten geschaffen werden, die interne Unterschiede ausblenden und ebenso die wirtschaftliche, politische und soziale Konstruktion von Identität und Differenz. Und doch sind genau diese zentrale Themen des postkolonialen Projekts, wie Homi Bhabha das nennt, was im letzten Jahrhundert an emanzipativen Bewegungen, Narrativen und Praktiken entstanden ist. Versucht man, es zu rekapitulieren, kann man grob unterteilen in antagonistische Positionen einerseits, die eine Befreiung von jeder Art von Hegemonie und Dominanz zum Ziel haben, und Hybridität propagierende andererseits, die Identität als eine Konstruktion untersuchen, die viele Akteure einschließt.

Prominente Vertreter ersterer in der frankophonen Welt sind etwa die Autoren der Négritude Léopold Senghor,[06]Léopold Sédar Senghor: Négritude und Humanismus. Übers. Janheinz Jahn. Düsseldorf 1967. Léopold Sédar Senghor: Ce que l’homme noir apporte, … Fußnote lesen Aimé Césaire [07]Aimé Césaire: Über den Kolonialismus: und »Rede über die Négritude« (1950). Übersetzung Heribert Becker. Berlin 2021. „Eine Zivilisation, … Fußnote lesen und Frantz Fanon,[08]Frantz Fanon: Schwarze Haut, weiße Masken. Übersetzung Eva Moldenhauer, Frankfurt/M. 1980. Frantz Fanon: Die Verdammten dieser Erde. Übersetzung … Fußnote lesen die innerhalb der weltweiten antikolonialen Bewegung speziell die Merkmale Schwarzer Kulturen betont haben (und zwar in der Sprache der Kolonisatoren, was die Komplexität andeutet und später eine produktive Debatte darüber losgetreten hat, in welcher Sprache oder Sprachmischung sich Schreibende aus den Postkolonien äußern).[09]Zu den exponiertesten Stimmen zählt hier etwa der Kenianer Ngugi wa Thiong’o, der seine Theaterstücke, Romane und Prosatexte seit 1977 in seiner … Fußnote lesen Antagonismen und binäre Oppositionen handeln sich schnell die Kritik des selbst auf Ausschluss beruhenden Essentialismus und des selbst rassistischen Antirassismus[10]Siehe z.B. Jean-Paul Sartre in seinem Vorwort zu Frantz Fanons Die Verdammten dieser Erde. ein, weil sie Kulturen im Gegensatz denken – auch wenn man strategische, temporäre Essentialismen wohl braucht, um als politisches Subjekt überhaupt sprechfähig zu werden, wie Gayatri Chakravorty Spivak beschreibt[11]Siehe Gayatri Chakravorty Spivak/Ellen Rooney: In a word. Interview. In: Schor, N./Weed, E. (Hrsg.): The Essential difference. Bloomington 1994, S. … Fußnote lesen – Dynamiken dieser Art haben wir in der Gorman-Debatte gesehen und werden praktisch täglich on- und offline diskutiert. Erhitzt. Weil zwischen temporären, für eine politische Teilhabe notwendigen, und „ontologisierten“ Essentialismen nicht immer unterschieden wird. Und weil mit der antagonistischen Fixierung von und auf Differenz auch die Handlungsoptionen für beide Seiten festgeschrieben werden, ohne dass eine Sphäre der gemeinsamen Aushandlung oder von Gemeinsamkeit schlechthin in Sicht kommt.

Doch auch Senghor schrieb bereits von der „métissage“,[12]Léopold Sédar Senghor: Dialogue sur la Poésie francophone. Lettre à trois poètes de l‘Hexagone. In: ders., Oeuvre poétique, Paris 1984. d.h. Vermischung. Hybriditätskonzepte, von denen gleich die Rede sein wird, lassen die Idee von eingrenzbaren Entitäten, die sich vermischen könnten, dann ganz hinter sich. Und der Philosoph Achille Mbembe entwickelt das vorher identitäre Konzept der Négritude überzeugend weiter zu einem wirtschaftspolitischen, wenn er sagt: In einem globalisierten Kapitalismus sind alle Subalternen, alle, die der französische Staatspräsident so bezeichnend den „Rest“ oder „Menschen, die nicht zählen“ genannt hat, „Neger“. Dabei benutzt Mbembe durchgehend das Wort nègre, weil nur dieses, sagt er, die systematische Konstruktion von Unterdrückten in einem Kapitalismus klarmache, der im großen Stil erst durch den Sklavenhandel möglich geworden sei und der den Menschen als Ware und Ressource begreift.[13]Achille Mbembe: Kritik der schwarzen Vernunft. Übersetzung Michael Bischoff, Berlin 2014. Siehe auch Achille Mbembe: Ausgang aus der langen Nacht. … Fußnote lesen Gerade deshalb muss die Übersetzung von Mbembes Hauptwerk „Critique de la raison nègre“ als „Kritik der schwarzen Vernunft“ irritieren. Es ist ein Beispiel dafür, wie neue Sprachnormen und -sensibilitäten fehlgehen können, wenn sie kontextlos Gültigkeit beanspruchen. Denn Mbembe beschreibt mit der raison nègre ein Denken, das den „Neger“ in seiner gewalthaften Verdinglichung allererst konstruiert hat. Es geht gerade nicht um ein Subjekt, dessen Würde sprachlich verletzt wird, und schon gar nicht um dessen vermeintlich andersgeartete „schwarze Vernunft“ (eine Suggestion, die die koloniale Prämisse geradezu verlängert), sondern um die Ent-Subjektivierung von Menschengruppen, die der europäische Kolonialismus betrieben hat und betreibt, um seine ökonomischen, machtpolitischen und territorialen Interessen mit angeblicher Zivilisierungsbedürftigkeit zu rechtfertigen. Eine Aufarbeitung der entsprechenden Begriffsgeschichte ist nicht möglich, wenn der entscheidende Begriff dabei nicht ausgesprochen werden soll.[14]Vgl. Albert Memmi: Der Kolonisator und der Kolonisierte. Zwei Porträts. Übersetzung Udo Rennert, Hamburg 1980. Nach Memmi führt Kolonialismus auf … Fußnote lesen Verlangt übersetzerisches Ethos nicht gerade auch, Formen eines subversiven, aneignenden talking back zu produzieren? Mbembe jedenfalls ist an einem Punkt, an dem die Selbstbehauptung als Schwarzer und jede Konstruktion von Rassismen längst einer gruppenübergreifenden, globalen Perspektive gewichen ist.[15]Siehe dagegen siebzig Jahre zuvor noch Jean-Paul Sartre in Schwarzer Orpheus: „Der Neger ist wie der weiße Arbeiter Opfer der kapitalistischen … Fußnote lesen Denn nicht vertieft, aber doch geäußert werden müssen die mehr als komplexen Fragen: Bedingen unterschiedliche Manifestationen von Macht nicht einander? Kann eine sprachliche Dekolonisierung erfolgreich sein, wenn wirtschaftliche und politische Abhängigkeiten erhalten bleiben?[16]Neukaledonien z.B., Schauplatz von Kanaky, ist immer noch französisches Staatsgebiet. Durch die gezielte Einwanderungspolitik Frankreichs stellen … Fußnote lesen Und ist Identität nicht ohnehin eher als kontextuell wechselnde Identifizierung zu beschreiben, weshalb man statt von Identitätspolitik eher von Identifizierungspolitik sprechen müsste?

Auch die Literatur der Antillen mit ihrer eigenen Sklaven- und Kolonialgeschichte entgeht dem Denken in Oppositionen durch andere Beziehungs- und Raumvorstellungen. Spätestens seit den 1980er Jahren wird dort das Paradigma der Hybridität nämlich mit dem Anspruch diskutiert, einen globalen Zustand zu beschreiben.[17]Édouard Glissant: Kultur und Identität. Ansätze zu einer Poetik der Vielheit. Übersetzung Beate Thill. Heidelberg 2005. „Ich behaupte also, … Fußnote lesen Im Karibikraum entstehen insbesondere mit Édouard Glissants „Poetik der Beziehung“ (in Anlehnung an Gilles Deleuzes und Félix Guattaris Rhizom,[18]Gilles Deleuze/Félix Guattari: Rhizom. Übersetzung Dagmar Berger/Clemens-Carl Haerle/Helma Konyen, Merve 1977. das eine verflochtene Verbundenheit ohne Wurzel- und Zentrumsdenken beschreibt) komplexe philosophische Systeme rund um die Begriffe Kreolität, Vielheit und All-Welt. Der aus Martinique stammende Patrick Chamoiseau etwa schreibt in seinem Essay Migranten: „Die kulturelle, menschliche Seite der Globalisierung ist die Mondialität, das Bewusstsein, dass die Welt eins ist“.[19]Patrick Chamoiseau: Migranten. Übersetzung Beate Thill. Heidelberg 2017. Und weiter: „Es gibt kein Leben ohne Bewegung, keine Vitalität ohne Wanderschaft“.[20]Siehe auch den Begriff der „migritude“ etwa bei Shailja Patel: Migritude, Los Angeles 2010. Oder in: Chevrier, Jacques: Afrique(s)-sur-Seine. … Fußnote lesen Der durch den Kolonialismus entstandene, irreversibel vernetzte Raum kann nutzbar gemacht werden: Die Vielfalt in permanenter Veränderung eröffnet neue Freiheiten und nicht fixierbare, passagere Identitäten ohne „reine“ Zugehörigkeiten – so könnte westliches Zentrumsdenken selbst in Bewegung kommen und mit seinem zentralen Gedanken der Gleichheit zugleich eine (dann doch universale) Basis bieten: „Unter Gleichen sind wir im Angesicht des anderen verantwortlich füreinander, noch bevor wir den Namen des anderen kennen“, schrieb Emmanuel Lévinas.[21]Emmanuel Lévinas: Die Spur des Anderen. Übersetzung Wolfgang Krewani, Freiburg 2012. Siehe auch: Alfred Hirsch/Pascal Delhorn (Hrsg.): Im Angesicht … Fußnote lesen

Raummetaphern wie „das Dazwischen“, „Dritte Räume“, „das Treppenhaus“ und „die Übersetzung“ als Orte für das Aushandeln von Identitäten prägen auch das Denken von Homi Bhabha,[22]Homi Bhabha: Die Verortung der Kultur. Übersetzung Michael Schiffmann und Jürgen Freudl. Mit einem Vorwort von Elisabeth Bronfen. Tübingen … Fußnote lesen und auch der Dritte im klassischen Dreigestirn der postkolonialen Theorie neben Spivak und Bhabha, Edward Said, betont die „Flüssigkeit“ von Subjektivität,[23]„Gelegentlich erlebe ich mich selbst als ein Gewirr fließender Strömungen. Ich ziehe das der Vorstellungen eines festen, stabilen Ichs vor, jener … Fußnote lesen und zwar gerade im Unterschied zu jedem identitären Diskurs, der den „Anderen“ festschreibt und homogenisiert.

Was heißt das für die Übersetzung? Im anfangs erwähnten Buch Kanaky taucht neben tribu und chef auch das Wort case auf, das klassische koloniale Bild vom Stammeshäuptling vor seiner Hütte wäre perfekt. Case ist bei den Kanak[24]Das Wort „Kanak“ stammt aus dem Hawaiianischen und bedeutet „Mensch“. (Die wörtliche Bedeutung von Kanaky als autochtone Bezeichnung für … Fußnote lesen jedoch keine harmlose Bezeichnung für eine einfache Wohnstatt und schon gar kein Symbol für das Unzivilisierte, Wilde, sondern ein umfassendes gesellschaftliches Konzept: Die Hütte ist das, unter dem wir alle vereint sind, das Dach über der Schutzbedürftigkeit und Verletzlichkeit, die allen gemein ist. Der Anthropologe Denis Monnerie schreibt: „Wenn die Kanak ‚Politik‘ als ‚Hütte der Weißen‘ bezeichnen, dann drehen sie die Behauptung um, alles sei politisch, und setzen an deren Stelle den sozialen Begriff ‚Hütte‘, der somit zu einer universalen Kategorie der Gemeinsamkeit wird, während ‚die Politik‘ nur eine bestimmte Organisationsform von Macht bezeichnet.“[25]Denis Monnerie: Résistance au colonialisme. Culture, coutume et politique (Arama et région Hoot ma Whaap), in: Journal de la Société des … Fußnote lesen Die Hütte wird als Wert begriffen, der der Politik vorrangig ist. Mit dem geflochtenen Dach, das für die Verbundenheit aller steht, wird das „Und“ und „Zugleich“ als Bedingung unserer Existenz gefeiert.[26]Wie die einseitige Missachtung dieser Verbundenheit durch den globalen Norden zur Zerstörung der Lebensgrundlagen aller führt, beschreiben … Fußnote lesen

Die case ist in meiner Übersetzung deshalb „Hütte“ geblieben. Mit tribu und chef dagegen verhielt es sich anders: es geht um Aushandlung, Kontext, Beweglichkeit, Abstimmung im Horizont der Verflochtenheit, wie gesagt. Weder „Stamm“ noch „Häuptling“ übersetzen die zeitgenössische, gut vernetzte Gesellschaft mit französischem Pass und Smartphone, die versucht, innerhalb eines kapitalistischen Settings Traditionen einer nicht auf Gewinn und „Fortschritt“ ausgerichteten Gemeinschaft zu leben. Die Tribus in Kanaky-Neukaledonien sind keine Gemeinschaften qua Verwandtschaftsbeziehungen, sondern Reservate, in die die Kanak 1867 verdrängt wurden. Ihre Bewohner sind teils zwar durch Familienbeziehungen verbunden, aber viele Clans wurden seinerzeit auf verschiedene Tribus versprengt. Und die chefs erhielten vor 180 Jahren von der Kolonialverwaltung die Rolle von Administratoren und einer Art Vermittler der kolonialen Logik. Und deshalb wird Tribu in meiner Übersetzung groß und recte geschrieben. Um ihre Geschichte in der Ambivalenz von Tradition und Kolonialherrschaft nicht unkenntlich zu lassen. Um die Bilderwelten des „Wilden“ nicht zu verlängern. Und um das Deutsche um eine treffendere Bezeichnung zu erweitern und zu „hybridisieren“.[27]Anregend war für mich in dieser Hinsicht ein Vorbereitungsgespräch mit der Duden-Redakteurin Dr. Melanie Kunkel zu folgender Veranstaltung: … Fußnote lesen Ich habe den chef auf Anraten einer Ethnologin zum Chef gemacht, wo es um dessen koloniale und postkoloniale Rolle ging. Ich habe métropole nur dann mit Mutterland übersetzt, wenn die Absurdität des Begriffs kontextuell sinnvoll war, und sonst Kontinentalfrankreich geschrieben. Denn dass diese Mutter ihre „Kinder“ einst gekidnappt, misshandelt und sogar getötet hat und die „Kinder“ selbst Erwachsene mit eigener (vergewaltigter) Mutter und sehr emphatischer Bindung zu dieser waren, wird mit dem Begriff „Mutterland“ verschleiert. Gerade die Kanak verstehen die Erde, wie viele Kulturen, als Mutter, die alle ernährt und die Einzelne nicht besitzen können, da sie sonst für alle stirbt.

Wir befinden uns im Treppenhaus, kontextuelle Aushandlungsprozesse sind charakteristisch für die Arbeit von Übersetzenden. Ausgrenzungspolitiken erscheinen mir deshalb so grundsätzlich konträr zur dialogischen Praxis der Übersetzung, weil diese per se das Fremde im Eigenen zur Sprache bringt. An welche Vorstellungswelten wir mit unseren Sprachbildern allerdings anknüpfen und ob es uns gelingt, koloniale Konstruktionen zu erkennen, zu verlassen und zu verwandeln, liegt bei uns. Sind die Magenschmerzen damit verschwunden oder nicht? Irgendetwas „dazwischen“.

References
01 Jean Paul Sartre. Schwarzer Orpheus. In: ders., Schwarze und weiße Literatur. Aufsätze zur Literatur 1946-1960. Hrsg., Nachwort u. Übersetzung Traugott König, Mitarbeit Christine Delory-Momberger. Reinbek bei Hamburg 1984, S.39.
02 Der französische Autor, der den Prix Goncourt du premier roman abgelehnt hat, weil er der Überzeugung ist, Literatur habe nichts mit Wettbewerb zu tun, widmet praktisch sein gesamtes schriftstellerisches Werk der Aufarbeitung des französischen Kolonialismus. Kanaky spielte im Pazifikraum, in Die Wunden unserer Brüder ging es u.a. um die „französische Doktrin“ in Algerien (damit werden die Foltermethoden und das Verschwindenlassen bezeichnet, die Mitterrand 1954 als Innenminister einführte und in denen französische Generäle später auch südamerikanische Militärs schulten). Bislang unübersetzt ist das Büchlein Au loin le ciel du sud über Hồ Chí Minh und Revolten wie die im französisch besetzten „Indochina“.
Joseph Andras: Die Wunden unserer Brüder. Übersetzung, Glossar und historische Nachbemerkung von Claudia Hamm. Hanser 2018.
Joseph Andras: Kanaky. Übersetzung, Glossar und Zeittafel von Claudia Hamm. Hanser 2021.
Joseph Andras: Au loin le ciel du sud. Actes Sud 2021.
03 Meine lange Suche nach für mich verantwortbaren Sprachentscheidungen in den genannten und anderen Fällen habe ich in einem TOLEDO-Journal sowie einem Gespräch mit Ekkehard Knörer im LCB vorgestellt, sie war auch Thema in meinem Vortrag Kolonialismus, Postkolonialismus, das Dazwischen beim Übersetzertag „Wer spricht?“, auf den der vorliegende Beitrag aufbaut.
04 Im Kontext des Übersetzens ist der Verweis auf „Erfahrungen“ erklärungsbedürftig geworden. Es geht mir hier nicht um die Behauptung, eine bestimmte biografische Herkunft könne die Einfühlung in einen Originaltext oder eine bessere Spracharbeit in der Übersetzung mehr oder weniger garantieren, eher geht es darum, in welchen Sprachwelten man sich wie David Foster Wallaces Fische im Wasser bewegt – nämlich ohne dieses als Wasser zu erkennen/erkennen zu müssen – und welche man sich im Zuge einer Befremdung – vielleicht sogar besonders sensibilisiert – aufschließt.
Divya Victor: Scheingleichheit. Übersetzung Lena Schmidt. Leipzig 2020.
David Foster Wallace: Das hier ist Wasser. Übersetzung Ulrich Blumenbach. Köln 2012.
05 Siehe den Artikel auf der Website Zoos Humains und den Film Kanak. L’histoire oubliée. Siehe auch den Film Angelo von Markus Schleinzer über den nach seinem Tod ausgestopften und im Kaiserlichen Naturalienkabinett Wien als „Wilder“ ausgestellten Angelo Soliman.
06 Léopold Sédar Senghor: Négritude und Humanismus. Übers. Janheinz Jahn. Düsseldorf 1967.
Léopold Sédar Senghor: Ce que l’homme noir apporte, in: Jean Verdier: L’homme de couleur. Paris 1939.
07 Aimé Césaire: Über den Kolonialismus: und »Rede über die Négritude« (1950). Übersetzung Heribert Becker. Berlin 2021.
„Eine Zivilisation, die sich unfähig zeigt, die Probleme zu lösen, die durch ihr Wirken entstanden sind, ist eine dekadente Zivilisation. Eine Zivilisation, die beschließt, vor ihren brennendsten Problemen die Augen zu verschließen, ist eine kranke Zivilisation. Eine Zivilisation, die mit ihren eigenen Grundsätzen ihr Spiel treibt, ist eine im Sterben liegende Zivilisation.“
08 Frantz Fanon: Schwarze Haut, weiße Masken. Übersetzung Eva Moldenhauer, Frankfurt/M. 1980.
Frantz Fanon: Die Verdammten dieser Erde. Übersetzung Traugott König, Frankfurt/M. 1981.
Fanon hatte ein ambivalentes Verhältnis zu den Ideen der Négritude. Einerseits berief er sich auf sie, andererseits war er überzeugt, eine passive Anerkennung einer wesenhaften „Afrikanität“ könne nicht zu einer echter Befreiung von Kolonisierten führen. Diese müsse aktiv herbeigeführt werden.
09 Zu den exponiertesten Stimmen zählt hier etwa der Kenianer Ngugi wa Thiong’o, der seine Theaterstücke, Romane und Prosatexte seit 1977 in seiner Muttersprache Kikuyu verfasst und anschließend selbst ins Englische „umschreibt“. 1986 begann er, auch seine Sachtexte auf Kikuyu zu schreiben; siehe hierzu Ngugi wa Thiong’o: Dekolonisierung des Denkens. Essays über afrikanische Sprachen in der Literatur. Übersetzung Thomas Brückner, Münster 2018, S. 28 sowie die Website des Autors.
10 Siehe z.B. Jean-Paul Sartre in seinem Vorwort zu Frantz Fanons Die Verdammten dieser Erde.
11 Siehe Gayatri Chakravorty Spivak/Ellen Rooney: In a word. Interview. In: Schor, N./Weed, E. (Hrsg.): The Essential difference. Bloomington 1994, S. 151-184.
Ebenso Gayatri Chakravorty Spivak: Subaltern Studies. Deconstructing Historiography. In: Guha, R./Spivak, G. C. (Hrsg.): Selected Subaltern studies. New York 1988, S. 3-32.
Und der „Klassiker“: Gayatri Chakravorty Spivak: Can the subaltern speak? Postkolonialität und subalterne Artikulation. Übers. Alexander Joskowicz/Stefan Nowotny, Wien 2007.
12 Léopold Sédar Senghor: Dialogue sur la Poésie francophone. Lettre à trois poètes de l‘Hexagone. In: ders., Oeuvre poétique, Paris 1984.
13 Achille Mbembe: Kritik der schwarzen Vernunft. Übersetzung Michael Bischoff, Berlin 2014.
Siehe auch Achille Mbembe: Ausgang aus der langen Nacht. Versuch über ein entkolonisiertes Afrika. Übersetzung Christine Pries, Berlin 2016, sowie
Achille Mbembe: Postkolonie. Aus dem Französischen von Brita Pohl, Wien 2020.
14 Vgl. Albert Memmi: Der Kolonisator und der Kolonisierte. Zwei Porträts. Übersetzung Udo Rennert, Hamburg 1980. Nach Memmi führt Kolonialismus auf beiden Seiten zu mentalen Störungen. Schlechtes Gewissen und Zementierung von Differenz beim ersten, Assimilierungstendenzen oder Verklärung und Mythisierung beim zweiten. Siehe auch: Albert Memmi: Portrait du décolonisé, Paris 2004.
15 Siehe dagegen siebzig Jahre zuvor noch Jean-Paul Sartre in Schwarzer Orpheus: „Der Neger ist wie der weiße Arbeiter Opfer der kapitalistischen Struktur unserer Gesellschaft; diese Situation offenbart ihm seine enge Solidarität mit bestimmten ebenfalls unterdrückten Europäerklassen über die Nuancen der Hautfarbe hinweg; sie bringt ihn dazu, eine Gesellschaft ohne Privilegien anzustreben, wo die Pigmentierung der Haut als bloßer Zufall angesehen wird. Aber wenn die Unterdrückung auch ein und dieselbe ist, so spezifiziert sie sich doch je nach der Geschichte und den geographischen Bedingungen: der Schwarze ist ihr Opfer als Schwarzer, in seiner Eigenschaft eines kolonisierten Eingeborenen oder deportierten Afrikaners. Und da man ihn in seiner Rasse und wegen seiner Rasse unterdrückt, muss er sich zunächst seiner Rasse bewußt werden. Jene, die sich jahrhundertelang vergeblich bemüht haben, ihn, weil er Neger ist, auf den Stand eines Tiers herabzudrücken, muß er zwingen, ihn als einen Menschen anzuerkennen. (…) Der schließlichen Einheit, die alle Unterdrückten in ein und demselben Kampf zusammenführen wird, muß in den Kolonien vorausgehen, was ich den Moment der Separation oder der Negativität nennen möchte: dieser antirassistische Rassismus ist der einzige Weg, der zur Beseitigung der Rassenunterschiede führen kann.“ Jean-Paul Sartre: a.a.O, S.44f.
16 Neukaledonien z.B., Schauplatz von Kanaky, ist immer noch französisches Staatsgebiet. Durch die gezielte Einwanderungspolitik Frankreichs stellen die nativen Kanak nur noch 39% der Bevölkerung. Drei vertraglich vereinbarte Referenden zur Unabhängigkeit von Frankreich gingen entsprechend negativ aus, obwohl die Tendenz dazu stieg. Da die Kanak für ein multiethnisches Kanaky kämpfen – so die Eigenbezeichnung für Neukaledonien –, fanden sie zunehmend auch Anhänger unter den französischstämmigen „Caldoches“, 2021 wurde erstmals ein Kanak Präsident dieser „Gebietskörperschaft mit besonderem Status“. Das dritte Referendum am 12.12.2021 dagegen wude einseitig von Paris durchgesetzt, obwohl die Kanak-Führung zu einer Verschiebung und dann zum Boykott aufgerufen hatte, weil Abstimmung und Konsensfindung heilige Werte der Kanak sind und Zusammenkünfte in der Pandemie nicht zu organisieren waren – diese Information fand sich in keinem einzigen Bericht in Europa zum Ausgang des Referendums mit einer Wahlbeteiligung von 43,9 %, halb so viel wie in den letzten Abstimmungen, und 96,5% Gegenstimmen zur Unabhängigkeit. Der Dekolonisierungsprozess wurde damit um Jahrzehnte zurückgeworfen – und es ist wohl kein Zufall, dass in Paris wieder vom französischen „Vaterland“ die Rede war (siehe folgendes Video auf Youtube). Hintergrund von Frankreichs Interessen ist u.a. der Reichtum dieser Weltgegend an Nickel. Nickel ist ein wichtiger Rohstoff z.B. für die Herstellung von Batterien, Handys und Bildschirmen und Neukaledonien der fünftgrößte Exporteur der Welt. Die Wirtschaftszone Pazifik ist zudem nicht nur als Austragungsort von Atomtests für Frankreich interessant gewesen. Mit seiner weltweiten geostrategischen Präsenz und dem Besitz von Atomwaffen begründet Frankreich auch seinen Anspruch auf einen Sitz als permanentes Mitglied des UN-Sicherheitsrats – und auf die Selbstbezeichnung „grande nation“.
17 Édouard Glissant: Kultur und Identität. Ansätze zu einer Poetik der Vielheit. Übersetzung Beate Thill. Heidelberg 2005.
„Ich behaupte also, daß die Welt sich kreolisiert. Schlagartig und dabei in vollem Bewußtsein, werden die Kulturen der Welt miteinander in Kontakt gebracht, verändern sich in ihrem Austausch, was häufig zu unabwendbaren Zusammenstößen, erbarmungslosen Kriegen führt, aber es sind auch Vorposten des Bewußtseins und der Hoffnung erkennbar.“ (a.a.O., S.11.)
18 Gilles Deleuze/Félix Guattari: Rhizom. Übersetzung Dagmar Berger/Clemens-Carl Haerle/Helma Konyen, Merve 1977.
19 Patrick Chamoiseau: Migranten. Übersetzung Beate Thill. Heidelberg 2017.
20 Siehe auch den Begriff der „migritude“ etwa bei Shailja Patel: Migritude, Los Angeles 2010. Oder in: Chevrier, Jacques: Afrique(s)-sur-Seine. Autour de la notion de >migritude<. In: Notre librairie 155/156 (2004), S. 13-18.
21 Emmanuel Lévinas: Die Spur des Anderen. Übersetzung Wolfgang Krewani, Freiburg 2012.
Siehe auch: Alfred Hirsch/Pascal Delhorn (Hrsg.): Im Angesicht der Anderen: Lévinas‘ Philosophie des Politischen. Diaphanes 2005.
22 Homi Bhabha: Die Verortung der Kultur. Übersetzung Michael Schiffmann und Jürgen Freudl. Mit einem Vorwort von Elisabeth Bronfen. Tübingen 2000.
„Übersetzung“ bezeichnet bei Bhabha in einem übertragenen Sinn einen Raum, in dem kulturelle Differenz ausgehandelt wird. Kulturelle Differenz wird dabei nicht als klassifizierbarer Unterschied zwischen homogenen, abgegrenzten Kulturen verstanden, sondern als permanente Differenzierung innerhalb jeder Kultur durch ihre Verflochtenheit mit anderen. Jenseits von binären Oppositionen betrachtet Bhabha Kulturen in ihren Ambivalenzen und im Hinblick auf ihre affektive Seite: das Unheimliche, das Unsagbare, das Andere als das Verdrängte im Ich. Für Bhabha ist die Übersetzung der einzigartige Raum, bei dem ein temporäres Dazwischen geschaffen werden kann, ein Ort, an dem Kulturen hybrid werden, an dem Identität verhandelt und konstruiert wird, weil sie aus einem gleichwürdigen Dialog hervorgeht. Übersetzen wird als Praxis verstanden, der Pluralität von Perspektiven Rechnung zu tragen.
Bhabhas Theoreme des Dritten Raumes und der kulturellen Übersetzung haben weite Kreise gezogen, ein ganzer „translational turn“ ist in den Kulturwissenschaften daraus entstanden. Wie anwendbar seine Begrifflichkeiten für die Übersetzung von Literatur sind, wäre zu diskutieren. Deutet die Verwandlung von sprachlichem Material, die Neuverortung in einem anderen Kontext und einer anderen Sprache, wie sie die literarische Übersetzung kennzeichnet, auch auf eine Art Transitraum hin, in dem Selbst- und Fremdverhältnisse ausgehandelt werden? Bewohnt die Sprache der Übersetzung jene „Zwischenräume“, in denen niemand mehr in abgeschlossenen Wänden „wohnt“, sondern ständig in Bewegung und unterwegs ist?
23 „Gelegentlich erlebe ich mich selbst als ein Gewirr fließender Strömungen. Ich ziehe das der Vorstellungen eines festen, stabilen Ichs vor, jener Identität, der so viele so viel Bedeutung beimessen. Diese Strömungen fließen wie die Themen eines Lebens durch die wachen Stunden und bedürfen im besten Fall keiner Versöhnung, keiner Harmonisierung. Sie sind ‚abwegig‘ und vielleicht am falschen Ort, aber zumindest sind sie immer in Bewegung – […] kontrapunktisch, aber ohne zentrales Thema.“ Edward W. Said in seiner Autobiographie Am falschen Ort. Übersetzung Meino Büning, Berlin 2000.
Siehe auch Edward W. Said: Freud und das Nichteuropäische. Übersetzung Miriam Mandelkow. Zürich 2004.
24 Das Wort „Kanak“ stammt aus dem Hawaiianischen und bedeutet „Mensch“. (Die wörtliche Bedeutung von Kanaky als autochtone Bezeichnung für Neukaledonien ist entsprechend: der Mensch zu Hause.) Mit „Kanak“ bezeichneten die Franzosen im Zuge ihrer pazifischen Eroberungen abwertend alle Menschen dieses Raums, die eine dunklerer Hautfarbe hatten, die Begriffsgeschichte bis ins Deutsche hinein ist bekannt. Sich Kanak zu nennen und wieder an die hawaiianische Bezeichnung anzuknüpfen – und zwar ungebeugt, wie die kanakische Unabhängigkeitsbewegung 1984 beschloss, und wie ich deshalb übernommen habe, Selbstbezeichnungen sind für mich maßgeblich – ist eine Praxis der sprachlichen Aneignung und Umdeutung, die so konfrontativ wie versöhnlich ist. Sprechen die Kanak vom peuple kanak, ist kein durch biologische Merkmale identifiziertes „Volk“ gemeint, wie etwa die aus einer Rassenideologie entstandene „Völkerkunde“ suggerierte, sondern ein politisches Subjekt, das sich erst im Kontext einer Gewaltgeschichte formieren musste.
25 Denis Monnerie: Résistance au colonialisme. Culture, coutume et politique (Arama et région Hoot ma Whaap), in: Journal de la Société des Océanistes Nr. 117, 2003.
26 Wie die einseitige Missachtung dieser Verbundenheit durch den globalen Norden zur Zerstörung der Lebensgrundlagen aller führt, beschreiben eindrücklich z.B. Rob Nixon in seinem leider bislang unübersetzten Slow Violence and the Environmentalism of the Poor, Cambridge/Mass. 2011, und Stephan Lessenich in: Neben uns die Sintflut. Die Externalisierungsgesellschaft und ihr Preis. Hanser Berlin 2016.
27 Anregend war für mich in dieser Hinsicht ein Vorbereitungsgespräch mit der Duden-Redakteurin Dr. Melanie Kunkel zu folgender Veranstaltung: https://www.goethe.de/ins/be/de/spr/eng/end/vgs.html. Im Unterschied zur Sprachpolitik Frankreichs (Kursivierung alles „Fremden“ im literarischen Text, präskriptive Sprachpolitik der Académie française) betonte sie die deskriptive Funktion des Dudens für den deutschen Sprachraum: Aufgenommen wird u.a. das, was in Übersetzungen geschrieben wird. Fremdwörter werden qua Großschreibung „eingedeutscht“, insofern sie von anderen Mitgliedern der Sprachgemeinschaft übernommen werden. So arbeiten Übersetzende an der Erweiterung des deutschen Wortschatzes ständig mit.