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Veröffentlicht am 29.07.22

Homophon

Von Cia Rinne

Équilibre (Et Qui Libre?)[1]

Die Frage zum Gedicht L’Équilibre von Francis Picabia stammt von Marcel Duchamp, der ebenso in der fermentation eine ferme intention (eine entschlossene Intention) witterte, die idée fixe zur orchidée fixe ausweitete und die Literatur selbst homophonisierte, indem er littérature in lits et ratures (Betten und Streichungen) zerteilte – letztere von Marcel Bénabou auch als lis tes ratures (lies deine Streichungen) oder lie tes ratures (Verknüpfe deine Streichungen) entlarvt. Der Meister zahlreicher euphorismes, von André Breton in Marchand du sel umgetauft und von Pierre Granoux als Marseille Duchamp in Form eines französischen Straßenschilds verewigt, schuf sich mit Rrose Sélavy sogar einen homophonen nom de plume. 

Homophon stammt aus dem Griechischen ὁμὁφωνος (gleichklingend), das sich aus ὁμο (gleich-) und φωνή (Stimme, Ton) zusammensetzt. Als homophon bezeichnet man Worte oder Lautkombinationen, die zwar gleich klingen, deren Bedeutung in Schrift oder Sprache sich vielseitig ausgabeln kann, Stimm-Gabeln, deren φωναί einhellig klingen und doch semantisch unvorhersehbar ausufern. Anne Carson schreibt: „The pun () matches two sounds that fit perfectly together as aural shapes yet stand insistently, provocatively apart in sense. You perceive homophony and at the same time see the semantic space that separates the two words. Sameness is projected onto difference in a kind of stereoscopy.“[2]

„Was habt ihr gegessen? „Wir haben fil gegessen. „So, so, aber was habt ihr gegessen?“ „Fil“. So antworteten wir als Kinder und wurden uns der semantischen Verschiebung der gleichklingenden Worte viel und fil (dem schwedischen Wort für eine Art finnischen Joghurt) gewahr, mit dem wir es zustande brachten, gleichzeitig wahrheitsgetreu zu antworten und doch die Frage im Deutschen fortwährend unbeantwortet zu lassen; ein einsilbiges Paradoxon, das sich lediglich einem Sprachsprung verdankte. 

„Gäbe es nur eine Sprache, so wären wir vielleicht des Wesens der Dinge sicher“, so Hannah Arendt[3]. Homophonien sind ein- oder mehrsprachige Chamäleons, die, ohne wesentlich an ihrer Phonetik zu rütteln, Sinn, Etymologie und Konnotationen changieren lassen. Sie lassen semantische Drehtüren rotieren, die rhizomatische Verbindungen, linguistische Wahlverwandtschaften und fiktive Etymologien aufdecken können. Vielleicht ist das Homophon auch eine Maschine (finnisch „kone), die eine Verbindung (japanischコネ [kone]) herstellt.

Duchamp beließ es nicht nur beim Französischen, sondern benutzte mitunter auch das Englische zum reading between the lions. Im chinesischen Gedicht, das ausschließlich aus dem Morphem shi besteht, ist es jener Löwe, der lions verzehrt: (施氏食獅史) [shīshì shí shī shǐ] heißt die „Geschichte vom Löwen, der Löwen isst“, die aus 96 Zeichen besteht, welche sämtliche die Lesung shi haben, jedoch unterschiedlich ausgesprochen werden. Ein wenig ähnlich klingt „Si la scie scie la scie. Et si la scie qui scie la scie …“ (Wenn die Säge die Säge zersägt. Und wenn die Säge, die die Säge zersägt …), die onomatopoetische Reihe, die Duchamp für eine sich selbst zersägende Maschine schrieb. Den phonetischen Unterschied zwischen beiden Morphemen shi/scie [schi/si] nutzte Jacques Derrida, um das Schibboleth zu veranschaulichen, das aufgrund eines phonetischen, jedoch eigentlich bedeutungslosen Unterschieds diskriminiert und abgrenzt. Sein Begriff der différance, in dem e durch a erstattet worden ist, fußt mitunter auch auf der Doppeldeutigkeit von différer (sich unterscheiden, aber auch verschieben, vertagen). Die semantische Verschiebung erhält eine temporäre Dimension; der fil erklärte sich nach einem kurzen Augenblick der Verwirrung und le fil (der Faden) des Gesprächs konnte wieder aufgenommen werden.  

Anne Carson zufolge können Wortspiele eine bessere Wahrheit oder wahrere Bedeutung der Worte hervorrufen. „Within the pun you see a possibility of grasping a better truth or a truer meaning, than is available from the separate senses of either word.“[4] In Mots d’Heures: Gousses, Rames nimmt Luis d’Antin van Rooten alias John Hulmes eine homophone Übertragung von Mother Gooses englischen Kinderreimen ins Französische vor. Humpty Dumpty wird hier zu Un petit d’un petit[5], was er als „unausweichliche Folge von Kinderheirat“ befußnotet. Dieser petit ist also sitting on a wall, übersetzt mit s’étonne aux Halles (staunt in den Halles) mit der Bemerkung versehen, dass es sich offensichtlich um ein Gedicht aus der Provinz handeln müsse, da der berühmte alte Markt für gebürtige Pariser schließlich selbstverständlich sei. „Homophon“ selbst enthält auch das phonetische fån [phon], den schwedischen Stamm von fåne (Narr) und fånig (albern). 


[1] [Gleichgewicht/Und, wer (ist) frei]. Marcel Duchamp, Duchamp du signe, Hrsg. v. Michel Sanouillet und Paul Matisse, Flammarion, Paris 2013

[2] Anne Carson, Eros the Bittersweet, London 1998

[3] Hannah Arendt, Denktagebuch 1950–1973, Hrsg. v. Ursula Ludz, Piper, München/Berlin 2002 

[4] Anne Carson, ibid.

[5] Mots d’HeuresGoussesRamesThe d’Antin Manuscript, discovered, edited and annotated by Luis d’Antin van Rooten, Grossman Publishers, New York 1967