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Veröffentlicht am 03.11.22

Co-Übersetzung I

Übersetzen im Kollektiv. Kleine Thesensammlung

Solange Superrechner nicht in der Lage sind, Lyrik unter Beibehaltung möglichst vieler sprachlich-rhythmisch-klanglicher Eigenheiten in eine Zielsprache zu übertragen, bleibt die effizienteste Arbeitsweise die Übersetzung im Kollektiv. Denn: Zwei Köpfe denken besser als einer und fünfzehn besser als zwei.

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Ästhetisches Feingefühl ist zwar Rechensache, entsteht aber zunächst durch die Begegnung von Menschen mit anderen Menschen, mit Gegenständen, mit Ideen. Insofern ist die literarische Co-Übersetzung nicht nur Rechen-, sondern auch Begegnungskunst, wobei Kunst hier im Sinne von Handwerk zu verstehen ist: als techné.

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Im Neugriechischen heißt Literatur markanterweise Logotechnik. Übersetzer*innen sind wie Autor*innen Logotechniker*innen. Wie jede Form der Technik, erfährt auch die Technik des Logos in der Begegnung ihre größten Fortschritte, ihre strahlendsten Effekte.

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Das Kollektiv ist ein Begegnungsmultiplikator. Ein*e Übersetzer*in findet sich nicht allein vor einem Text wieder, sondern handelt als Element einer logotechnischen Interventionsgruppe. In der Gruppe begegnet man nicht einfach nur einem Text; man ist auch von einer Vielzahl von Interpretationen umgeben. Darin liegt das große Kollisions- und Synergiepotential des Kollektivs.

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Je mehr verschiedene Interpretationen aufeinanderprallen, umso größer ist die Robustheit der Interpretation, die sich durchsetzt. Das Kollektiv ist ein Supercollider. Durch die Kollisionen werden Synergien freigesetzt.

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Das Kollektiv ist ein Zusammenschluss denkender Körper. Verbundene Körper denken besser als einsame Geister.

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Das kleinstmögliche Kollektiv ist das Zweiergespann. In einer solchen Konstellation ist häufig von vierhändigem Schreiben die Rede. Es handelt sich wohlgemerkt um eine Metonymie, denn neben den vier Händen schreiben ebenfalls mit: zwei Köpfe, vier Augen, vier Ohren, vier Beine, und über 10 Meter Gedärm. Vor allem Letzteres ist wichtig: Je mehr Gedärm, umso besser die Rechenleistung.

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Wenn das Organ von Erzähler*innen das Ohr ist, dann ist das Organ von Übersetzer*innen die Nase. Das sprichwörtliche “feine Näschen” gehört zur Grundausstattung von Übersetzer*innen. Je mehr Nasen den Ausgangstext beschnuppern, umso präziser die Auswertung.

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Dass ein Genie mit seinem monolithischen Körper imstande sein sollte, bessere Lösungen für ein übersetzerisches Problem zu finden als ein im Verbund funktionierender Körper, ein lebendiges Neural Network, glauben nur unheilbare Huldiger des Individualismus und der Romantik.

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Um die Stärken eines jeden Elements des Kollektivs optimal zu nutzen, braucht das Kollektiv lediglich ein funktionierendes Protokoll. Dann hat das Individuum im übersetzerischen Wettkampf keine Chance, auch nicht in der Fantasiewelt derjenigen, die ans Genie glauben wie die Kinder an den Weihnachtsmann.

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Die kollektive Arbeit darf nicht mit der häufig anzutreffenden Fragmentierung von Übersetzungsleistungen verwechselt werden, die nach folgendem Muster funktioniert: Übersetzerin A übersetzt Kapitel 1, Übersetzer B Kapitel 2 usf., jede*r nach Gutdünken, der eine freier, die andere hautnah an der Interlinearversion. Mit Zusammenarbeit hat das nichts zu tun. Kollektiv ist die Arbeit erst, wenn alle nach demselben Protokoll arbeiten und sich die Übersetzungen immer wieder gegenseitig zuspielen, damit der nächste Überarbeitungsschritt nicht nur Verbesserung – zumal man sich ständig gegenseitig lektoriert, neue Lösungen findet und diese nach ihrer Brauchbarkeit befragt –, sondern auch größere Homogenität gewährleistet. Das Ergebnis soll nicht als Flickwerk, sondern als zusammenhängende Textur bzw. als lückenloses Gewebe erscheinen.

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Wie das Kollektiv sich organisiert, ist Sache des Kollektivs. Empfehlenswert ist die gemeinsame Arbeit in einem Turiner Hotel, nach dem Beispiel des Übersetzer*innenkollektivs, das Samuel Becketts “Worstward Ho” ins Spanische übertragen hat.

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Aus “Worstward Ho” – und nicht wie oft angenommen aus “Warten auf Godot” – stammt das bekannte Zitat: “Try again. Fail again. Fail better.” So funktioniert das Arbeiten im Kollektiv: als trial-and-error-Schleife. Wenn Übersetzen notwendigerweise auch Scheitern bedeutet, dann verheißt das kollektive Übersetzen zumindest das bessere Scheitern.