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Veröffentlicht am 06.10.22

Entscheidungen

Anfang dieses Jahres erhielt ich die Einladung, zusammen mit einer Gruppe von Künstler:innen, Tänzer:innen, Performer:innen und anderen Kulturschaffenden im Rahmen einer einwöchigen „Spring School“ einen Tag lang über das Thema Übersetzung zu diskutieren. Rund siebzig Personen würden teilnehmen und sich in der besonderen Atmosphäre des Performing Arts Forum (PAF) – einer von Kunstschaffenden geleiteten Künstlerresidenz in einem ehemaligen Kloster nordöstlich von Paris – gegenseitig kennenlernen und über ihre Projekte sprechen. In der Veranstaltungsbeschreibung betonten die Organisator:innen „keinen individuellen, sondern einen überpersönlichen Ansatz“ gewählt zu haben. Das Interesse gelte dem „was uns auf einer dem Persönlichen vorgelagerten Ebene oder jenseits davon gemeinsam ist – Sprache, Produktionsformen und Formen des Zusammenarbeitens, Sinnesapparate, Gewohnheiten und Geschichte“. Es ging also um „Arbeitsweisen, die nichts mit ‚Alleinarbeit‘ zu tun haben.“

Davon fühlte ich mich sofort angesprochen. Hier schien es um etwas Wichtiges in Bezug auf das Übersetzen zu gehen, das ja auf eine provokante und produktive Art auch nichts mit „Alleinarbeit“ zu tun hat.    

Ich wollte unbedingt teilnehmen.

Aber es war Januar und ich lebe in den Niederlanden. Damals befand sich das Land gerade im Lockdown und ich war mehr als zwei Jahre lang nicht mehr gereist. Instinktiv wollte ich die Entscheidung vertagen. Könnte ich eine verbindliche Zusage nicht hinausschieben? Musste ich mich gleich festlegen? 

Aber würde ich die Einladung auch ohne Festlegung (irgendwie) aufrechterhalten können?

Ich mailte mit den angenehm entgegenkommenden Organisator:innen hin und her und sagte schließlich zu. 

(Ich schreibe in der ersten Person, denn darauf lief es hinaus: Ich sagte zu. Besser wäre allerdings, es so zu formulieren: Angesichts einer großen Veranstaltung, die geplant werden musste und auch unabhängig von mir stattfinden würde, sowie unter dem Einfluss solch überpersönlicher Kräfte wie Gruppeninteressen, Neugier aufeinander und kollektivem Lernwillen aber auch praktischer Fragen wie Reisemöglichkeiten und Kinderbetreuung, die ohnehin weit über das rein Persönliche hinausgehen, wurde schließlich eine Entscheidung getroffen.)  

Im Zug wurde ich etwas nervös – weil ich viele neue Leute treffen würde, weil ich öffentlich sprechen musste.   

Dann schickte mir einer der Veranstalter:innen aus heiterem Himmel ein Küken-Video. Das war im April. Auf dem Gelände des PAF gab es Hühner und Pfauen. Ich entspannte mich. Woher wusste er, dass mir das gefallen würde? Diese Nachricht, die zwar für mich bestimmt war, sei trotzdem eher unpersönlich gemeint gewesen, wie er dann bei unserem Treffen in leichtem Konversationston bemerkte. Wer findet Babyküken denn nicht süß?

In meinem Vortrag ging es um eine kurze Passage aus einer in Arbeit befindlichen Übersetzung: fünf französische Sätze aus dem Roman Lili pleure (1953) von Hélène Bessette und darunter ein erster Entwurf meiner eigenen Übersetzung ins Englische.

Was als Gespräch begann, wuchs sich zu einem großangelegten Workshop aus. Viele Fragen wurden diskutiert; nur eine gegen Ende der Sitzung brachte mich ins Schlingern:

Was hat dieses Festhalten am Entwurfscharakter zu bedeuten?

Ich verstand nicht ganz. Was genau meinen Sie?

Sie formulierte die Frage anders: Wieso legen Sie so viel Wert auf Mehrdeutigkeit, auf das Nicht-Entscheiden?  

Ich dachte nach.

Sie hatte recht. Es stimmte. Ich hatte in der von mir vorbereiteten Übersetzung jedes einzelne Wort und Satzzeichen unterstrichen, bei dem ich mir noch unsicher war. Fünf kurze Sätze enthielten etwa sechzehn Unterstreichungen. Und während ich über meine Arbeit gesprochen hatte, hatte ich wiederholt die Überzeugung geäußert, dass alles was ich geschrieben hatte, auch (jederzeit) anders übersetzt werden konnte. 

Die Frage machte mich hellhörig, bzw. rief mir etwas ins Gedächtnis.

Könnte ich eine verbindliche Zusage nicht hinausschieben? Musste ich mich gleich festlegen?

Diese Haltung bestimmt einen Großteil meiner Übersetzungsarbeit und meines Schreibens generell. Und diese Haltung wollte ich den Zuhörer:innen demonstrieren: alles offenzuhalten, selbst eindeutig erscheinende Übersetzungsentscheidungen zu überdenken und zu überarbeiten; Worte zwar niederzuschreiben, aber nur vorläufig, nur vorübergehend. 

Doch wenn eine Übersetzung geschrieben werden soll, kann man nicht auf unbestimmte Zeit in diesem Raum der Unentschiedenheit verharren. Das hätte ich dazusagen sollen – und als Antwort auf jene Frage ertappte ich mich dabei, wie ich es tatsächlich sagte. Es geht um Entscheidungen, um sehr viele Entscheidungen, um all die kleineren und größeren Festlegungen. Manche Entscheidungen – aus dem Gefühl heraus, aufgrund von Empfindungen und persönlichen Erfahrungen getroffen – werden subjektiv wirken. Viele weitere werden auf der Basis „einer allem Persönlichen vorgelagerten Ebene oder jenseits davon“ getroffen werden, unter Einbeziehung von „Sprache, Produktionsformen und Formen des Zusammenarbeitens, Sinnesapparaten, Gewohnheiten und Geschichte.“

Aber auch die Unentschiedenheit ist – genauso wie schließlich „ja“ oder „nein“ oder „Lass mich kurz nachdenken“ zu sagen – Teil (und nicht das Gegenteil) einer Entscheidungsfindung. Sie ist Teil von Einsichten und Abwägungen (und keine Verweigerungshaltung oder die gegnerische Seite) innerhalb des notwendigen Prozesses, bei dem der oder die Einzelne, einige oder wir alle Verantwortung für das übernehmen, was ansteht: Entscheidungen, die man treffen kann und wird.

Aus dem Englischen von Sabine Voß